Restaurant Adler in Weinstadt-Baach

Rostbraten, der den Namen verdient

Michael Kiesel setzt im »Adler« auf Hausgemachtes

Bettina Hartmann, Stuttgarter Nachrichten vom 01.07.2006

Eigentlich heißt es ja, in Baad im Kleinwalsertal höre die Welt auf. Zumindest für Autos ist dort Endstation. Über die Berge führt nur noch ein schmaler Fußweg. Doch auch in einer ganz ähnlich klingenden Ortschaft nahe Stuttgart wähnt man sich plötzlich am Ende der Welt: in Baach. Von Beutelsbach aus geht es in ein Seitental der Rems, zunächst an Weinhängen entlang, später an Wiesen und Wald.

Die Straße wird schmal, Autos kommen einem kaum noch entgegen. Dann geht es über eine kleine Brücke in den am Schurwaldaufstieg gelegenen 90-Einwohner-Weiler. Eine Bilderbuchidylle. Am Ortsende ist das Ziel erreicht: der Adler. Die Forststraße, die einzige Straße in Baach, führt weiter in den dunklen Wald, hinauf nach Baltmannsweiler, wo man sicherlich guten TV-Empfang hat. In Baach jedoch sieht man selbst bei hochsommerlichen Temperaturen öfter mal Schneetreiben. Was nicht groß stören würde - wenn nicht WM wäre. "In der Küche haben wir trotzdem einen kleinen Apparat aufgestellt, damit wir von den Spielen wenigstens ein bisschen was mitkriegen", sagt Michael Kiesel (54).

Trotz Fußballgucken ist klar: Die Arbeit wird nicht vernachlässigt. Denn Kiesel, der im Ochsen in Stetten sein Handwerk gelernt und den Adler 1981 vom Vater übernommen hat, will sich "bei den Gästen sehen lassen können". Also kocht er nur mit frischen Zutaten, setzt auf saisonale und möglichst regionale Produkte. Brot und Kuchen backt er selbst, die Spätzle sind handgeschabt, die Maultaschen hausgemacht. Bis zu 300 Stück füllt Kiesel jede Woche. "Die werden von den Gästen auch gern mitgenommen."

Viel Aufhebens macht der Gastwirt nicht um seine Küche. Er ist zurückhaltend, schwäbisch-schweigsam. Wenn er vom Rostbraten erzählt, wird er jedoch gesprächiger. Den gibt's bei Kiesel ganz klassisch - mit Brot (12,50 Euro), Bratkartoffeln und Salat (18,50 Euro) oder mit Sauerkraut und Spätzle (18,50 Euro). Aber eben auch so, wie er ihn selbst am liebsten mag: mit viel Knoblauch. Ob provencal, mit Senfkruste oder in Champignonrahmsoße: "Die Rostbratenvarianten sind bei unseren Gästen sehr beliebt." Vermutlich, weil im Adler der Rostbraten seinen Namen noch verdient und nicht als Rindersteak daherkommt. "Ich kauf' nur bestes Fleisch aus der Region und kein überlagertes aus Argentinien", sagt Kiesel.

Ab und zu schaut im Adler Prominenz vorbei, so etwa der Schauspieler Dietz Werner Steck, der ja als Kommissar Bienzle ohne Maultaschen und Trollinger verloren wäre. Hier gibt es Erstere rezent gefüllt und bissfest als große Portion in der Brühe, geschmälzt oder geröstet zu 9,50 Euro. Und beim Wein hat Kiesel alles da, was im Remstal und der Umgebung Rang und Namen hat: Aldinger, Ellwanger, Haidle, Dautel. "Das ist mein Steckenpferd", sagt Kiesel.

Ob sich die Gäste für ein Menü oder für Kräuterkäse mit frischem, knusprigem Bauernbrot (5,50 Euro) entscheiden, spielt für Kiesel keine Rolle. Bei ihm sind alle willkommen. Schließlich war der Adler lange Zeit ohnehin eine reine Vesperstube, vor gut 100 Jahren von Kiesels Großtante eingerichtet. Wo man heute in den drei Stuben sitzt, waren früher die Ställe untergebracht. Der Wohn- und Gastbereich befand sich im ersten Stock. Zum Essen kamen Bauern aus der Umgebung und schon damals Sonntagsausflügler. "Bei uns kann man halt gut wandern und radeln", sagt Kiesel.

Noch heute machen Ausflügler gern im Adler Rast, etwa bei einer Apfelschorle oder einem Wurstsalat (6 Euro) auf der großen Terrasse, und lassen sich von den Kellnerinnen auf aufmerksam-charmante Art umsorgen. Dabei kann man den Alltagsstress schnell vergessen. Zumindest ist man hier eine Weile für niemanden erreichbar: Der Handy-Empfang ist mindestens so schlecht wie beim Fernseher.

Gasthof Adler · 71384 Weinstadt-Baach · Tel (0 71 51) 6 58 26 · info@adler-baach.de